Alkohol

Ein Lächeln im Gesicht, ein Tablet in ihrer Hand. Wortlos steht sie neben dem Gastgeber, der in gastfreundlicher Manier die kleinen Gläser an die umstehenden Gäste verteilt. Jeder nimmt sich eins. Als sein Blick zu mir geht sage ich nur: „Nein danke. Ich trinke nicht.“

Mein letztes Bier trank ich im November. Zweitausendvierzehn. Danach rührte ich kein weiteres mehr. Kein Bier. Kein Wein. Kein Rum. Seit diesem Abend trinke ich überhaupt keinen Alkohol mehr. Ich habe aufgehört damit. Nicht, weil ich es musste, weil ich es wollte. Ich hatte einfach genug davon dicht zu sein. Ich hatte genug davon, mich am nächsten Tag nicht wohl zu fühlen. Mir reichte es mich selbst zu enttäuschen oder zu blamieren. Und als ich an jenem nächsten Morgen im November aus dem Rausch erwachte, war Schluss. Für immer? Sag niemals nie, aber ja, ich denke schon.

Früher war das anders. Früher war ich anders. Da habe ich gerne mal das Glas gehoben. Maßhalten war allerdings nie wirklich eine Option. Entweder ganz. Oder gar nicht. Etwas dazwischen gab es nicht. Meistens entschied ich mich eben für die erste Option. Ganz. Doch dann entschloss ich mich für eine Veränderung und wählte die zweite Option.

Mittlerweile bin ich leidenschaftlich nüchtern. Aus Überzeugung. Weil es – jedenfalls für mich – einfach besser ist. Und hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, wie sich das Leben verändert, wenn man voll und ganz verzichtet, ich hätte es ihm sicherlich nicht geglaubt.

Ich will Dir nichts erzählen. Ich will Dich nicht bekehren. Und mir ist es egal, was Du am Wochenende machst. Wenn Du Dich wegschießen möchtest, mach das. Ich will es Dir nicht verbieten. Ich will nicht den Zeigefinger heben. Ist mir alles ganz egal. Und wenn Du breit durch die Straßen läufst und am nächsten Tag mit Deinem Kater auf der Couch liegst, ist das Deine Sache. Vollkommen in Ordnung. Du wirst Deinen Spaß gehabt haben. Das ist die Hauptsache.

Alkohol macht mir keinen Spaß

Mir macht Alkohol keinen Spaß. Im Gegenteil. Wahrscheinlich bin ich nicht dafür gemacht. Wahrscheinlich kann ich keinen Alkohol trinken. Für mich wurde Alkohol am Tag nach der Feierei zu einem echten Problem. Selbst wenn ich auf einer Party viel Spaß hatte, am Tag darauf ging es mir schlecht. Nicht unbedingt körperlich. Mehr vom Kopf her. Und je mehr mir dies bewusstwurde, desto schwieriger wurde es. Bereits während der Feier schaltete mein Kopf sich ein. Da wo vorher noch Licht brannte, dass sich als Freude und Lachen darstellte, schaltete sich die Dunkelheit ein. Alkohol macht mich launisch. Manchmal niedergeschlagen. Manchmal traurig. Und kein Schnaps ist es wert, traurig zu sein.

Nüchtern wird alles klar.

Wenn man nüchtern ist, dann sieht man vieles klarer. Das, denke ich, ist jedem bewusst. Aber um wieviel klarer die Welt wird, wenn man erst einmal ein Jahr nichts getrunken hat, das war mir nicht bewusst. Meine Sinne sind schärfer. Man sieht die Welt ganz anders. Vielleicht ist da ja nur Einbildung. Meine persönliche Wahrnehmung. Doch das spielt letzten Endes keine Rolle – denn, wenn ich es so wahrnehme, dann ist es wahr. Jedenfalls für mich.

Ich bin feinfühliger geworden. Im Umgang mit Menschen. Ich erkenne die wahren Gefühle der Menschen viel schneller und deutlicher. Meine Menschenkenntnis hat sich verbessert. Ich kann besser auf Menschen eingehen und vor allem: Ich kann ihnen besser zuhören. Ich nehme die Welt, die Menschen, die Gefühle und Emotionen um mich herum viel deutlicher, besser und klarer war.

Mittlerweile habe ich zum Beispiel gemerkt, dass es viele Menschen in meinem Leben gab, mit denen ich kaum etwas gemeinsam hatte. Bis auf den Alkohol. Menschen, deren Interessen, Sichtweisen und Überzeugungen sich nicht im Entferntesten mit meinen deckten. Seit ich nicht mehr trinke, weiß ich, wer meine wahren Freunde sind. Wer die Menschen sind, die mich so mögen, wie ich wirklich bin. Zu den Anderen ist der Kontakt vollkommen abgebrochen. Am Anfang war das natürlich schmerzhaft. Aber mittlerweile bin ich dankbar, denn die Beziehungen die ich pflege, sind intensiver und ehrlicher als sie es jemals waren.

Der Verzicht hat mich verändert.

Als ich mit dem Verzicht angefangen habe, dachte ich des Öfteren darüber nach. Ich könnte ja. Ich würde gerne. Nur einmal. Doch ich habe es nicht getan. Und heute kann ich sagen, dass ich gar nicht möchte. Ich will nicht. Ich kann mir ein Leben mit Alkohol nur schwer vorstellen. Vor einigen Wochen war ich eingeladen. Bei Freunden. Zum Grillen. Und ich trank alkoholfreies Hefeweizen. So stand es jedenfalls auf der Flasche. In der Flasche war ein Getränk mit 0,5 % Alkohol. So gut wie nichts. Könnte man meinen. Aber nach der zweiten Flasche konnte ich den Alkohol in mir spüren. Deutlich. Nicht so, dass ich nicht mehr hätte fahren dürfen. Aber ich bemerkte ihn. Und das hat mir nicht gefallen.

Auf Alkohol kann ich gut verzichten. Denn mein Leben ist viel angenehmer ohne. Es ist erfüllter. Ich konzentriere mich mehr auf meine Ziele, arbeite effektiver und habe alles viel besser im Griff. Mittlerweile kann ich damit umgehen, dass ich mich rechtfertigen muss. Und wenn mich jemand fragt, warum ich denn nichts trinke – und glaube mir, diese Frage kommt noch oft – dann antworte ich immer mit zwei Worten. Mit zwei Worten die all das wiedergeben, was ich wirklich denke. Ich sage nur: „Aus Überzeugung.“

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