Eines Tages, und der Tag wird kommen, stellt sich ein junger Mann an meine Seite. Vielleicht ist es Winter. Vielleicht sitze ich vor dem brennenden Kaminfeuer. Vielleicht fällt draußen leise Schnee. Er wird sich zu mir setzen, mir fragend in die Augen sehen und wissen wollen, was er mit seinem Leben anstellen soll. Ich werde mich zurück lehnen, einen kurzen Moment nachdenken und vielleicht folgendes sagen:

„Du musst dich um einen Ausbildungs- oder Studienplatz kümmern. Du musst aufpassen, lernen, versuchen zu verstehen. Frage, wenn du etwas nicht verstehst, aber hinterfrage niemals. Deine Ausbilder wissen schon, was du wissen musst. Nach deiner Ausbildung musst du dich um eine Anstellung kümmern. Wenn du keine bekommst, suche weiter. Wenn du eine bekommst, dann musst du dich freuen. Es ist nicht selbstverständlich einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Du musst dich anpassen. Du musst morgens aufstehen. Du musst dich fertig machen. Dann steigst du auf dein Fahrrad oder in dein Auto und folgst den Anderen. Du musst dich einreihen in die Schlange. Dann musst du dich an deinen Schreibtisch setzen, an deinen Arbeitsplatz begeben. Dein Vorgesetzter wird dir sagen, was du tun musst. Passe dich an. Mach, was von dir verlangt wird. Denn wenn du das tust, bekommst du am Ende des Monats Geld. Aber achte auf dieses Geld. Gebe es nicht einfach nur aus. Lege es zurück. Spare. Es werden Zeiten kommen, die werden dir nicht gefallen. Wann? Das weiß ich nicht. Ob? Auch dass kann ich dir nicht sagen. Aber die Anderen sagen es. Alle sagen es.

Du musst von Montag bis Freitag arbeiten. Vielleicht samstags. Vielleicht hast du am Sonntag frei. Darüber musst du dich freuen. Das Wochenende ist das, worauf sich alle freuen. Immer wieder. Von Montag bis Freitag.

Wenn du alles richtig machst, verdienst du gutes Geld. Wenn du dich anpasst, mitläufst, folgst und unterordnest wird es dir gut gehen. Du wirst Sicherheit erleben. Sicherheit. Sicherheit, die nur dann existiert, wenn du das tust, was andere dir sagen.

Nach 40 oder 45 Jahren, von Montags bis Freitag, von 8:00 Uhr bis 18:00 Uhr wird man dich verabschieden. Man lädt dich auf ein Stück Kuchen ein. Man überreicht dir einen Blumenstrauß. Man wird dir sagen, dass du eine tragende Säule des Unternehmens warst und dich immer eingebracht hast – wo man dir sagte, dass du dich einbringen sollst. Freue dich darüber. Das ist wichtig, denn das was du getan hast, war dein Leben. Am nächsten Tag wird dein Platz wieder besetzt sein. Ein anderer wird zur Säule des Unternehmens. Am übernächsten Tag bist du vielleicht schon vergessen. Aber das macht nichts. So ist es immer. So ergeht es allen. Immer wieder.“

Und wenn ich so darüber nachdenke, beschleicht mich ein seltsames Gefühl. Ich lasse mir die Worte, die ich vielleicht sagen werde durch den Kopf gehen und stelle fest, dass ich so etwas nicht sagen möchte. Es geht nicht darum zu funktionieren. Es geht um mehr. Um viel mehr. Im Leben geht es um Mut und den Aufbruch ins Unbekannte. Es geht darum etwas zu wagen, etwas zu riskieren, seinen Träumen zu folgen. Eines Tages, und der Tag wird kommen, geht unser Leben zu Ende. Sein Leben geht zu Ende. Und an diesem Tag soll er voller Freude zurück blicken können. Zurück blicken, auf die Geschichten, die er erzählt haben wird. Und wenn ich so darüber nachdenke, weiß ich, was ich an jenem Tag sagen muss und ich weiß, dass er wissen wird, dass ich recht habe.

„Junge, wovon träumst du. Wie soll dein Leben verlaufen? Was tust du gerne? Was tust du so gerne, dass du am Ende deines Lebens sagen kannst, dass dein Leben wunderbar war?

Fotografierst du gerne? Dann fotografiere! Tanzt du gerne? Dann tanze! Möchtest du die Welt bereisen? Bereise die Welt! Mach das, wonach deinem Herzen ist und glaube daran, dass es möglich ist.

Sicher ist, sie werden dir sagen, dass das nicht funktionieren wird. Sicher ist, sie werden dir sagen, dass du davon nicht leben kannst. Glaube ihnen nicht. Hinterfrage. Lerne. Bringe dir, wenn es nötig ist, selbst alles bei. Es gibt so viele Menschen, die ihren Weg gegangen sind. Es gibt so viele Menschen, die täglich an das glauben, was sie tun. Und sie werden nicht enttäuscht. Vielleicht fällst du. Vielleicht scheiterst du. Aber gib nicht auf. Glaube an dich. Glaube an das, was du kannst. Glaube an das, was du willst.

Vielleicht hilft es dir auf deinem Weg eine Ausbildung zu machen. Vielleicht bringt dich ein Studium weiter. Und wenn du etwas nicht verstehst, etwas nicht für richtig hältst, hinterfrage es. Hinterfrage es immer. Mach dir selbst ein Bild und glaub nur das, was du für richtig hältst. Du wirst dir im Leben nicht immer Freunde machen. Du kannst dir nicht immer mit allen einig sein. Das ist in Ordnung.

Vergiss nie die Menschen, die dich lieben. Deine Mutter. Dein Vater. Deine Geschwister. Deine Großeltern. Deine Familie. Deine wahren Freunde. Sie werden dich immer lieben. Sie werden immer hinter dir stehen und an dich glauben. Und sie werden dich auffangen wenn du fällst. Also falle. Stolpere. Hauptsache, du bewegst dich.

Denke daran: Du kannst deinem Leben nicht mehr Tage geben, sondern den Tagen nur mehr Leben. Vergiss das nicht. Vergiss das niemals. Eines Tages kommt der Tag, an dem alles zu Ende ist. Was danach kommt, weiß ich nicht. Das weiß niemand. Aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass du den Augenblick lebst und in jeder Sekunde voller Liebe bist. Voller Liebe, für das, was du tust.

Es wird immer Stimmen in deinem Leben geben, die dir sagen, du musst an später denken. Das stimmt. Denke an später, aber vergiss nicht den Augenblick. Wenn du das tust, was du liebst, wird alles so kommen, wie du es dir vorstellst. Wenn du auf das vertraust, was dein Herz dir sagt, wirst du den richtigen Weg gehen. Vielleicht wird es schwer. Vielleicht wird es steinig. Vielleicht wirst du Tränen vergießen. Vielleicht wirst du Schmerz spüren. Niemand kann dir sagen, dass es leicht wird. Aber ich möchte dir sagen, dass es das Richtige ist. Folge nur deinem Herzen. Habe keine Angst. Wage dich nach vorne. Lehne dich aus dem Fenster. Blicke hinter die Grenzen. Heb die Schranken an. Lass los. Laufe. Renne. Falle. Stolpere. Steh auf und lauf weiter. Du hast nur dieses eine Leben.

Mein Junge. Ich weiß, dass du das kannst. Das weiß ich, denn wenn du willst – wenn du es wirklich und von ganzem Herzen willst – dann kannst du alles tun. Und es wird sich lohnen.“

Manchmal fragen mich die Leute, ob ich an später denke. Ob ich daran denke, was ist, wenn ich alt bin. Und ich kann ihnen antworten: Ja. Das tue ich. Ich versuche meinem Sohn zu zeigen, was es bedeutet, sich selbst zu vertrauen und sein Leben zu lieben. Ich versuche meinen Sohn zu vermitteln, dass es nicht darauf ankommt reich oder berühmt zu sein. Ich versuche meinem Sohn zu vermitteln, dass er aus seinem Leben etwas machen kann, worauf er eines Tages stolz zurück blicken wird. Ja. Ich denke an später. Und ich weiß, dass es gut sein wird.