Manchmal, wenn ein Stück altes Eichenholz im Kamin verglimmt und beim nachlegen Rauch an die Zimmerdecke steigt, muss ich an die Geschichten denken, die mir mein Opa so gerne erzählt hat. Und ich erinnere mich wieder, wie es war, als kleiner Junge. Ich saß auf der alten Bank am Fenster. Neben mir saß mein Opa. Er rauchte seine Zigaretten, blies den Rauch in den Raum und fing an zu erzählen. Damals war das so. Alles war anders. Auch die Geschichten, die man erzählt hat.

Mit zwei Fingern hielt er seine Zigarette, den Kopf mit der ganzen Hand. Er stützte ihn am Küchentisch ab, schaute durch das Fenster in die Vergangenheit und sprach von Dingen, von denen ich keine Ahnung hatte. Er sprach von der Ernte. Vom Spaß auf dem Feld. Er betonte, dass damals andere Zeiten waren. Härtere Zeiten, die aber nicht unbedingt schlechter waren. Manchmal erzählte er vom Zusammenhalt, von der Nachbarschaft und Geschichten von Oma. Man spürte dann, dass er sie nach all den Jahren immer noch ganz tief im Herzen trug. Und sie ihn. Aber vom Krieg, davon sprachen beide nie.

Irgendwann starb Opa. Oma folgte ihm Jahre später. Da verstummten die Geschichten und es wurde still. Aber nur für eine Zeit, denn die Geschichten waren nicht verschwunden. Sie waren immer noch da. In meiner Erinnerung. In meinem Herzen. Und manchmal, wenn ich durch die alten Häuser des Museumsdorfes laufe, spielen sich in meinem Kopf die Geschichten ab, die mir ein alter Mann am Küchentisch von mehr als 30 Jahren erzählte. Dann sehe ich die lachenden Gesichter auf den alten Holzstühlen. Die tanzenden Paare in der alten Diele. Ich spüre den Geruch von Buchweizenpfannkuchen und fühle die trockenen Fasern des Torfs, mit dem nicht nur mein Opa heizte.

Mir fällt die Liebe auf, mit denen man damals an den Details gearbeitet hat. Die alten Werkzeuge, mit denen Hände Schränke, Tische und Betten schufen. Ich sehe die Arbeit auf dem Feld, die einem den Schweiß ins Gesicht treibt. Und ich sehe die Menschen an den Tischen sitzen. Wie sie zusammen essen. Miteinander sprechen. Gemeinsam Zeit verbringen. Ohne Smartphone. Ganz ohne Netflix. Ohne „nur mal eben gucken, ob es was neues gibt“. Vielleicht erscheint mir das alles zu romantisch. Vielleicht war es nicht so, wie es in meiner Vorstellung ist. Aber wenn ich mich an den Geschichten meines Opas orientiere, dann ist es genauso gewesen.

Ich gehe gerne durch das Museumsdorf in Cloppenburg. Besonders dann, wenn das Wetter mal nicht so gut ist. Wenn es leicht regnet, der Wind weht und es im Haus, am Kamin, eigentlich gemütlicher wäre. Doch das ist die beste Zeit für einen Spaziergang durch das alte Dorf. Man hat Zeit. Oder man nimmt sie sich. Und überhaupt, es scheint mir, als gäbe es in dem Dorf eine ganz besondere Ruhe. Eine, die man irgendwie nicht beschreiben kann. Aber vielleicht kann ich das einfach nicht. Vielleicht ist das ja die Ruhe, von der mein Opa so gerne erzählt hat. Die Ruhe von damals, als alles irgendwie anders war.  

Museumsdorf Cloppenburg
Frühling
Museumsdorf

Museumsdorf Cloppenburg/Niedersächsisches Freilichtmuseum
Bether Straße 6
49661 Cloppenburg
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März – Oktober: 9.00 – 18.00 Uhr
November – Februar: 9.00 – 16.30 Uhr

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